Aufbaumodul Alpinklettern

Fortbildung in schwierigen Zeiten

Sommer 2020, Florian

Ja – Nein – Vielleicht!?! Würde unsere Weiterbildung im Alpinklettern angesichts der jüngsten Lockerungen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus wirklich stattfinden? Diese Frage geisterte in unseren Köpfen bis zum letzten Tag vor Kursbeginn. Dann stand die Entscheidung, und wir wurden nicht enttäuscht! Wir, die 10 glücklichen Jugendleiterinnen und Jugendleiter aus Freiburg, Weinheim, Bremen, Tübingen, … und Potsdam. Wir durften uns auf die Reise zur Albigna-Hütte begeben. Mit dem Zug von Potsdam nach Sankt Moritz, anschließender Busfahrt bis Pranzaira und Aufstieg zur Hütte. Das war eine Strecke von knapp 1200 km und 2300 m in die Höhe, alles in allem eine Anreise von 19 Stunden! 

Los ging es am Donnerstagabend, über Nacht per ICE bis Stuttgart. Nach etwas holprigem Schlaf dann um 6 Uhr morgens weiter, mit Umstieg in Zürich bis nach Chur in Graubünden dem gleichsam größten und südöstlichsten Kanton der Schweiz. Inzwischen hatte sich die Landschaft hinter dem Zugfenster verändert. Aus den beschaulichen Brandenburgischen Feldern und Wäldern waren schneebedeckte Gebirgsriesen geworden. Der Anblick steigerte meine Vorfreude auf die bevorstehenden Tage. Überdies erwartete mich am Bahnhof in Chur eine ganz besondere Überraschung: Die von mir gebuchte Weiterfahrt mit der Rhätischen Bahn führte durch eine ungeahnt spektakuläre Berglandschaft. Die im Jahr 1903 vollendete Bahnstrecke hatte es bis auf die UNESCO Welterbeliste geschafft, und das zu Recht! Mit großen Augen fuhr ich durch tiefe Täler, vorbei an schroffem Fels und wildem Wasser. Der Zug schraubte sich höher und höher über atemberaubende Viadukte und meisterlich gefertigten Kehrwindungen. Schließlich ging es wieder hinab, mit rasanter Fahrt durch den finsteren Albulatunnel. Zurück im Tageslicht, erreichten wir kurz darauf unseren Zielbahnhof Sankt Moritz.

Ohne allzu lang in dem Schicken Touristenstädtchen zu verweilen, schnappte ich mir den erstbesten Bus Richtung Chiavenna, der mich in einer knappen Stunde über den Malojapass hinein ins Bergell beförderte. Gleichzeitig mit mir stieg eine junge Frau aus dem Bus, mit großem Rucksack und Kletterseilen bestückt. „Hey! Du siehst so aus als willst du auch hoch zur Albigna-Hütte, oder?“ „Richtig geraten“, schmunzelte die Kletterin. „Lass mich auch mal raten: Du bist Jugendleiter und zum Aufbaumodul Alpinklettern angemeldet?“ Bingo. Ich hatte soeben meine erste Mitstreiterin, Feli, für den bevorstehenden Kletterkurs kennengelernt. Nach kurzer Übereinkunft entschieden wir uns für den bequemen Weg nach oben, mit der 8 Personen-Seilbahn.
Feli und ich waren die einzigen Passagiere in der kleinen Gondel. Staunend schwebten wir die 900 Höhenmeter hinauf, an deren Ende wir an der Basis eines monumentalen Staudamms ausstiegen. Zu Fuß ging es noch ein paar Serpentinen weiter bergauf und schon standen wir oben auf der Staumauer, wo sich uns ein beeindruckendes Bergpanorama eröffnete! Zur Linken lag gähnender Abgrund über dem tiefeingeschnittenen Tal. Zur Rechten eröffnete sich spiegelgleich der glasklare Lägh da l’Albigna. Glatter Granit ragte fast senkrecht aus dem Stausee und endete in 3000 m hohen, teils schneebedeckten Gipfelspitzen.

Der Weiterweg zur Hütte führte uns über die imposante Staumauer auf die andere Talseite und in einer knappen halben Stunde zu unserem Ziel: der Capanna da l’Albigna. An der Hütte angekommen wurden wir sogleich von den Pfiffen einiger flauschiger Murmeltiere willkommen geheißen, die über die im nahen Umkreise verstreuten Felsblöcke rauf und runter kletterten. An einer der Holzbänke auf der sonnenbeschienenen Terrasse trafen wir auf Kristin, eine weitere zum Kurs angemeldete Jugendleiterin. Nach und nach trudelten in den nächsten zweieinhalb Stunden auch die übrigen Teilnehmenden und unsere beiden Kursleiter Hannes und Johannes ein. Dankbar nahm ich diese Wartezeit und den einladend im Gras platzierten Liegestuhl für ein kleines Nachmittagsnickerchen in Beschlag.

Es folgten eine nette Begrüßungsrunde mit der nun kompletten Gruppe, sowie eine Besprechung der geltenden „Corona-Regeln“. Auf der Hütte war die Anzahl der Schlafplätzte reduziert worden, wodurch es mehr Platz für alle gab. Es Desinfektionsspender in Speise- und Waschraum. Anstelle der üblichen Abend- und Frühstückbuffets wurde uns ein Großteil der Speisen direkt am Tisch serviert, sodass wir trotz allem ein exzellentes 4-Gänge-Abendessen und leckeren Früchtehaferbrei mit Kaffee und Kakao, Käse- und Marmeladenbrot zum Frühstück genießen konnten.
Frisch gestärkt und voller Tatendrang erhielten wir am Morgen des ersten Kurstages sogleich einen Dämpfer vom alpinen Regengott, und mussten uns mit Regenhose und Jacke ausstaffiert mit den weniger spektakulären Murmeltierfelsen vor der Hütte zufriedengeben. Unsere Aufgaben zur Wiederholung und Vertiefung waren: Standplatzbau und das Legen von mobiler Sicherung (Friends, Schlingen, Klemmkeile, etc.), sowie die Kombination von Beidem. Trotz der widrig-feuchten Bedingungen stellten wir uns tapfer den geforderten Aufgaben und wurden mit Anerkennung von unseren Kursleitern belohnt. Hie und da gab es auch Verbesserungsvorschläge. Doch die größte Belohnung war der leckere Kastanienkuchen mit heißem Kakao im behaglichen Gastraum der Hütte. Und es kam noch besser! Denn auch der Wettergott hatte Einsehen und beschenkte uns am zweiten Kurstag mit strahlendem Sonnenschein 🙂

Die Tourenplanung (inkl. Materialverteilung) war bereits als Bestandteil der Vorbereitung von Tag 1 abgeschlossen. Wir hatten uns in zwei Gruppen mit unterschiedlichen Gipfelzielen und je zwei Dreierseilschaften aufgeteilt. Unsere Gruppe hatte sich für die Besteigung des Piz Balzet entschieden. Mit zehn Seillängen und alpin geprägter Absicherung (Bohrhaken waren vorrangig auf die Standplätze beschränkt) war diese Tour durchaus als herausfordernd zu erachten, ebenso wie der Abstieg über den Ost-Grat mit mehreren Abseil- und Abkletterpassagen. Daher hatten wir unseren Tourenplan großzügig mit fünf, statt den im Führer angegebenen drei Stunden berechnet, eine halbstündige Gipfelpause und zwei Stunden für den Abstieg eingeplant. Insgesamt kamen wir auf neun Stunden die uns für diese Unternehmung plausibel erschienen.

Um kurz nach 7 Uhr starteten wir von der Hütte. Der Wandfuß und auch der Zugang zum Einstieg waren rasch gefunden. Maren als Vorsteigerin, Hannes und ich als Nachsteiger bildeten die erste Seilschaft; Kristin, Feli und Jasper die Zweite. Hinter uns folgten noch zwei fremde Seilschaften von denen uns die Eine (bestehend aus einem einheimischen Pärchen) in beeindruckendem Klettertempo überholte. Daraus ergab sich sogar ein kleiner Vorteil für mich. Denn als nach den ersten fünf Seillängen die Führung der Seilschaft an mich überging, konnte ich recht entspannt dem Kletterweg des schweizer Pärchens folgen. Hoch oben auf dem Süd-Grat war die Wegfindung ohnehin weniger schwierig, war der Gipfel doch schon zum Greifen nah! Zwei knifflige Kletterstellen gab es noch zu lösen. Senkrecht nach oben vorbei an einem schrägüberhängendem Granitblock und schließlich durch eine kleintrittige Verschneidung hinein in die zehnte Seillänge. Plötzlich rutschte mein Fuß ab – von dem vermeintlich sicheren Tritt – meine Hände griffen zu – der zweite Fuß fand noch einen winzigen Vorsprung im Fels und bewahrte mich vor einem unglücklichen Sturz in die Tiefe. Die letzten Meter waren weniger schwer und bald darauf standen wir mit beiden Seilschaften glücklich auf dem Gipfel des Piz Balzet. Es gab Schokolade und einen unvergesslichen Rundumblick. Dann ging es wieder felsabwärts. Über den Ost-Grat kletterte ich eine Seillänge voraus, an deren Ende wir den ersten Abseilhaken vorfanden. Hinab seilten wir uns in eine kleine Scharte, fanden anschließend auch die zweite und dritte Abseilstelle, konnten eine heikle Passage mittels Geländerseil überbrücken und zu guter Letzt noch das „Paternoster-Ablassen“ über die letzte Abseilpiste üben. Pünktlich zum Spätnachmittagskuchen waren wir zurück auf der Hütte.

Nach diesem unbestrittenen Highlight der Weiterbildung, waren die übrigen anderthalb Tage stärker geprägt von Übungsaufgaben, die wir selbst vorbereiten und anschließend in der Gruppe durchführen sollten. Im Resümee ergab sich ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm aus dem ich eine Vielzahl toller neuer Erkenntnisse und Erfahrungen mitnehmen durfte. Dies umfasste unter anderem: Auf- und Abbau eines Geländerseils zur Absicherung von riskanten Quergängen, die Konstruktion eines Expressflaschenzugs unter Einsatz von Schleifknoten, die Verwendung einer Seilrolle mit Rücklaufsperre, den HMS-Knoten mit Überschlag zum Ablassen schwererer Personen, das verlängerte Ablassen einer Person über mehr als eine Seillänge. Hinzu kamen Lehrübungen zu Standplatzbau und -absicherung, zum Ab- und Plattenklettern, sowie zur Wahrnehmung des eigenen Rhythmus und effizient-kraftsparenden Gehens mit der Gruppe.

Überdies habe ich auf der fünftägigen Weiterbildung 11 tolle Menschen kennen gelernt und neue Kletterfreundschaften geschlossen. Der Abschied am letzten Tag fiel entsprechend schwer. Gegen Mittag waren die Rucksäcke gepackt. Gemeinsam stiegen wir hinab zum Staudamm. Dieser war fast vollkommen von Nebel umhüllt, sodass es schien als würden wir über eine unendliche Brücke mitten durch den Himmel laufen. Schließlich erreichten wir doch die Seilbahnbergstation, schwebten weiter nach unten durch die Wolken und wurden im Tal von warmen Sonnenstrahlen empfangen. Mit Bärbel und Hans fuhr ich noch ein Stückchen gemeinsam zu meinem Startbahnhof in Sankt Moritz. Dort trennten sich unsere Wege. Ich stieg noch einmal ein, in den Weltkulturerbe-Zug, welcher mich über eine Vielzahl von Brücken, Tunneln und Schleifen durch die einzigartige Bergwelt beförderte und einen perfekten Ausklang zu meinem Aufenthalt in den Schweizer Alpen bildete.

Fotos: Florian